Zwei Pfleger sind in der überfüllten Notaufnahme

Wann in die Notaufnahme des Krankenhauses, wann zum Hausarzt?

Massig Patienten, Personalmangel und gestresste Ärzte. So sehen Deutschlands Notaufnahmen häufig aus. Immer mehr Menschen suchen auch wegen kleinerer Verletzungen die Rettungsstellen der Krankenhäuser auf, obwohl kein notfallmedizinischer Bedarf vorliegt. Die Folge: Patienten mit lebensbedrohlichen Erkrankungen werden oft zu spät behandelt. Um das zu verhindern, sollten Patienten abwägen, ob es sich um einen tatsächlichen Notfall oder eine Bagatellerkrankung handelt. Doch warum gehen eigentlich immer mehr Menschen in die Notaufnahme statt zum Facharzt in der Umgebung? Und wann sollten Sie die Notaufnahme tatsächlich aufsuchen? Wir klären über das Phänomen „Notaufnahmen-Tourismus“ auf.

Inhalt:

Warum gehen Menschen lieber in die Notaufnahme?

Egal ob Zeckenbiss, Kopfschmerzen oder Magen-Darm-Infekt. Die Notaufnahme ist mittlerweile fester Anlaufpunkt auch für die medizinische Versorgung von Kleinigkeiten. Doch warum suchen Menschen bei solchen Bagatellerkrankungen den Notfalldienst auf? Eine Umfrage der KKH (Kaufmännische Krankenkasse) in Zusammenarbeit mit dem Forsa-Institut konnte auf Basis von 1.003 befragten Personen zwischen 18 und 70 Jahren zeigen: Mehr als jeder Dritte würde die Notaufnahme auch für nicht lebensbedrohliche Krankheiten während der Öffnungszeiten von Arztpraxen aufsuchen (38 Prozent). Die meisten gehen dabei auf eigene Initiative ins Krankenhaus. Eine Überweisung vom Arzt oder ein Anruf bei einem Rettungsdienst: Fehlanzeige.

Die Gründe für diesen Notaufnahmen-Tourismus sind vielfältig. Laut den Ergebnissen der Studie könnten zwar viele als Alternative zur Notfallaufnahme einen Haus- und Facharzt kontaktieren, dennoch fühlen sich rund 40 Prozent im Krankenhaus besser versorgt. Zudem sei für ein Viertel der Befragten die Aufnahme ohne Termin entscheidend. So finden 13 Prozent, dass die kurzfristige Vergabe von Terminen in Arztpraxen nicht möglich sei und sie deshalb das Krankenhaus wählen würden. Nur ein Viertel der Befragten, die in die Notaufnahme kommen, hätten auch tatsächlich eine Überweisung vom Haus- oder Facharzt und lediglich zwölf Prozent gaben an, dass sie schwere Erkrankungen hatten und deshalb in die Notaufnahme mussten.

Außerhalb der Öffnungszeiten von Arztpraxen sind bei nicht lebensbedrohlichen Beschwerden sogar ein Drittel der Befragten bereit, in die Notaufnahme zu fahren. Nur jeder Fünfte würde sich auch mit einer ambulanten Notfallpraxis zufriedengeben. Da in den meisten Fällen jedoch eine ambulante Behandlung ausreicht, kann auch der ärztliche Bereitschaftsdienst weiterhelfen. Die Nummer für diesen (116 117) kennen jedoch nur 15 Prozent der Befragten. Eine erschreckend geringe Zahl.

Notfalldienst: Wenn das Geld knapp wird und die Politik handelt

24 Stunden, 7 Tage die Woche. Die Notfallambulanz ist immer da. Auch dann, wenn kein Termin in regulären Praxen vereinbart werden kann. Dieser Vorteil bietet sich auch für Personen mit kleineren Beschwerden an. Und das zum selben Preis. Denn finanziell macht es für Betroffene keinen Unterschied, ob sie zu einem Hausarzt oder ins Krankenhaus gehen. Für das Gesundheitssystem jedoch ist es ein riesiger. Denn die Behandlung in der Notaufnahme kostet wesentlich mehr als die bei einem Hausarzt.

Kommen die Patienten bereits am Anfang zum richtigen Fach- oder Hausarzt, kann dies viel Zeit und Kosten sparen. Und es wäre auch noch besser für schwererkrankte Patienten, die als Notfälle tatsächlich in der Notaufnahme behandelt werden können.

Um dieses System zu verbessern, hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) einen Gesetzentwurf zur Reform der medizinischen Notfallannahmen vorgelegt. Ziel ist es, die Notaufnahmen stärker zu entlasten. Dafür sieht der Entwurf unter anderem eine Zusammenlegung der Notruf-Nummer (112) sowie der Nummer für den ärztlichen Bereitschaftsdienst (116 117) vor. Die dahinterstehende Notfallleitstelle soll dann bei einem Anruf zunächst eine Ersteinschätzung per Telefon eingeben. Dann wird von den geschulten Mitarbeitern entschieden, ob der Anrufer in ein Krankenhaus gebracht werden sollte oder ein ambulanter Arzt weiterhelfen kann. Damit sollen mehr Menschen in kürzerer Zeit geholfen werden.

Die Patienten-Ampel: Wie dringend ist es wirklich?

Bei der Frage, ob Ihre Erkrankung ein Fall für die Notaufnahme ist oder es sich lediglich um eine Bagatellerkrankung handelt, ist – für jeden selbst – natürlich schwierig einzuschätzen. Schließlich sieht sich selbst jeder als Notfall an. Orientierung bietet hier die Patienten-Ampel (Manchester-Triage-System), die auch in den Notaufnahmen selbst zur Einschätzung der Dringlichkeit verwendet wird. Je nach Einstufung werden die Wartezeiten angepasst. Dringende – also rote – Fälle gehen vor. Dabei ist die Ampel in der Notaufnahme oft nicht nur mit den Farben „Rot, Gelb, Grün“ ausgestattet, sondern beinhaltet als vierte Stufe noch „blau“. Besonders bei letzterer Einstufung ist der Besuch eines Hausarztes sinnvoll.

  • Rot: Schwerste Fälle mit Lebensgefahr (Schlaganfall, Herzinfarkt etc.)
  • Orange: Fälle mit einer Verletzung, die lebensgefährlich werden kann
  • Gelb: Fälle ohne Lebensgefahr, aber mit ernsten körperlichen Schäden (Knochenbrüche etc.)
  • Grün: Normal „dringliche“ Fälle ohne Lebensgefahr und ohne ernste körperliche Schäden (z.B. leichte Schnittverletzungen, Platzwunden)
  • Blau: Keine dringlichen Fälle ohne sofortigen Behandlungsbedarf (z.B. leichte Grippe, Magenbeschwerden)

 Diese Farbregeln gelten international und dienen zur bestmöglichen Versorgung der Patienten. Sind Sie von der Notaufnahme als „blauer“ Fall eingestuft worden, können Sie auch einen Termin beim Hausarzt oder einen Facharzt wahrnehmen.

Wann Sie wirklich zur Notaufnahme gehen sollten

Die Notaufnahme ist für Notfälle gedacht. Was ein Notfall ist oder nicht, ist jedoch schwer einzuschätzen. Unfälle, bei denen ein Rettungsdienst beteiligt ist und die Patienten einliefert, gehen in der Regel vor anderen Patienten in der Notaufnahme. Doch auch Betroffene, die eigenständig in die Notaufnahme kommen, können als Notfälle aufgenommen werden. Laut Fachärzten sollten besonders Menschen mit einem der folgenden drei Symptome dringend eine Notaufnahme aufsuchen:

  1. Atemnot
    Zwar kann eine Atemnot bereits bei kleineren grippalen Infekten entstehen, oftmals entwickelt sich eine solche Kurzatmigkeit jedoch in eine Lungenentzündung. Auch bei Herzinfarkten kommt dieses Symptom häufiger vor. Betroffene, die also nur schwer Luft bekommen, sollten entweder eigenständig die Notaufnahme aufsuchen oder einen Notarzt verständigen.
  1. Schmerzen in der Brust
    Dieses Gefühl ist besonders häufig ein Anzeichen für einen Herzinfarkt. Nun zählt jede Minute. Scheuen Sie sich also nicht bei einer solchem Symptomatik in die Notaufnahme zu kommen oder einen Rettungsdienst zu verständigen. Welche weiteren Anzeichen ein Herzinfarkt mit sich bringt, lesen Sie in unserem Beitrag: „“. Welche Erste Hilfe dann zu leisten ist, erfahren Sie außerdem in unserem Artikel: „“.
  1. Starke (Bauch-)Schmerzen
    Heftige Schmerzen im Bauchbereich deuten nicht selten auf einen Darm-, Blinddarm- oder Magendurchbruch. Kommt dann Blut im Stuhl dazu, wird es sehr ernst. Auch diese Patienten sollten unbedingt eine Notaufnahme aufsuchen oder bei Bedarf den Rettungsdienst verständigen.

Als Alternative zur Notaufnahme bietet sich auch der ärztliche Bereitschaftsdienst an. In dringenden Fällen wie anhaltendem Brechdurchfall, Fieber oder Bauchschmerzen, die jedoch nicht für eine Notaufnahme geeignet sind, können abends und am Wochenende auch die ambulanten Bereitschaftsdienste kontaktiert werden. Diese helfen Ihnen unter der Nummer 116 117 weiter.

Titelbild: upixa / iStock.com

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