Sporttreibende im Fitnessstudio

Knackig, frisch und makellos – Generation Jugendwahn

“Einst galten kollektive Ängste dem Waldsterben oder der atomaren Zerstörung. Die digitale Gesellschaft wird von einer neuen Plage beherrscht: der Altersparanoia.” (ZeitOnline/ April 2016)

Schauspieler und Sänger machen es vor. Sie schrecken vor nichts zurück, um den Zeichen des Alterns mit aller Macht entgegenzuwirken. Es wird gesaugt, gespritzt und einige Partien des Körpers sogar für kurze Zeit mit Nervengift gelähmt. Das Alter, vor allem das sichtbare, ist in der heutigen Gesellschaft als schamhaft degradiert worden. Das Credo der Medien: Ich will so bleiben, wie ich bin. Jung und frisch! Doch der Wunsch nach ewiger Jugend, erstreckt sich sogar bis in die digitale Arbeitswelt. Alter macht Angst. Was Angst macht, wird gern verdrängt. Wer denkt da schon an die positiven Seiten des Älterwerdens, geschweige denn an die eigene Altersvorsorge. Wehe dem, der im Alter feststellt, dass er aktiver ist, als er dreißig Jahr zuvor zu glauben wagte.

Alter als Makel!

“Ob, ab wann und wie sehr man unter seinem Alter leide, ist die mit Abstand meistgestellte Frage an Schauspielerinnen jenseits der 40 (und längst nicht mehr allein an sie). Gern gefolgt von der Frage, ob man denn “etwas machen” lassen würde oder gar hat.” (ZeitOnline/ April 2016)

Die relevante Zielgruppe der Werbung ist zwischen 14 und 49 Jahren. Wer zu jung ist, hat noch kein Geld. Wer darüber liegt, ist wohl unbelehrbar, abgeklärt oder schlichtweg zu alt. Produkte für sie zu entwickeln, würde wohl dem Wert zwischen Kosten und Nutzen nicht gerecht, diesen Eindruck vermittelt die internationale Werbeindustrie. Models werden immer jünger und werden trotzdem noch retuschiert. Sendungen wie Germany’s Next Topmodel schickten vor Jahren noch gerade volljährig gewordene Frauen auf den Laufsteg. Heute ist jede zweite unter 18 und bereit den unsicheren Erfolg durch Schönheit einer fundierten Schulbildung vorzuziehen.

Schönheit bedeutet vor allem Jugend. Sie zu konservieren, ist das erklärte Ziel einer von Selbstoptimierungszwängen getriebenen Gesellschaft. Höher, schneller, weiter. Der Erfolg misst sich heute mitnichten nur noch an der persönlichen Leistungsbereitschaft. Das Aussehen muss sich schon mit den beruflichen Zielen decken. Es entbehrt nicht einer gewissen Logik, dass Zahnzusatzversicherungen derzeit unter den Krankenzusatzleitungen hoch im Kurs stehen.

Jugend vermittelt Gesundheit und steht für Leistungsfähigkeit. Mit Sport wird ihr gern auf die Sprünge geholfen und ihr optisch Ausdruck verliehen. Laut Statista.com steigt die Zahl der Fitnessstudios in Deutschland stetig an.

“Haben nur noch junge Menschen Chancen auf dem digitalen Arbeitsmarkt?”

Diese Frage stellte sich kürzlich das Handelsblatt in einem Beitrag. Der Hang zur Jugend treibt mittlerweile seltsame Blüten. Denn auch in der Arbeitswelt erobert sich die Altersdiskriminierung ganz subtil ihren Platz. Ein Beispiel: Google! Die amerikanische Bundesbehörde für gleiche Chancen am Arbeitsmarkt (EEOC) hatte Ermittlungen über Fälle von Altersdiskriminierung bei der Einstellungspraxis eingeleitet. Interessant: In den USA können Angaben zu Name und Alter erst im Vorstellungsgespräch gemacht werden. In Kalifornien sind diese in Bewerbungen neben Fotos nicht erlaubt. Die Regelung wurde sicherlich nicht ohne Grund festgeschrieben, denn “statt Geschlecht oder Hautfarbe entscheidet häufig das Alter, wenn es darum geht, einen Job in der Glitzerwelt der digitalen Wirtschaft zu ergattern oder aufs Abstellgleis geschoben zu werden”, so die Meinung des Autors.

Und? Angst vor dem Alter? – Denkste!

Das Paradox: Das Alter kann die Deutschen nicht mehr schrecken, wie eine weitere Studie zu Tage förderte. Die Wahrnehmung von älteren Menschen hat sich verändert. Sie gelten heute als aktiv, unternehmungslustig und lebensfroh. Wer also heute glaubt, für später nicht vorsorgen zu müssen, der irrt gewaltig. Auch ein agiles Leben mit Falten ist erstrebenswert. Doch damit es lebenswert bleibt, braucht es Rücklagen. Wer das Alter jetzt verdrängt, bestätigt morgen seine Befürchtungen: Kein Geld und noch mehr Falten im Gesicht.

Titelbild: ©Kzenon