Japan - Blick über blühende Kirschbäume auf schneebedeckten Berg

Japan: Erst die Arbeit, dann der Tod

“Es ist vier Uhr morgens. Mein Körper bebt. Ich werde sterben. Ich bin so müde”, schrieb Matsuri Takahashi wenige Monate vor ihrem Selbstmord. Mehr als hundert Überstunden im Monat trieben die 24-Jährige Uniabsolventin schließlich in den Selbstmord. Tausende Arbeitnehmer tun es der jungen Frau jährlich gleich. Japanisch besitzt als einzige Sprache sogar ein Wort, das das Phänomen beschreibt. Karoshi: Tod durch Überarbeitung.

Eine zermürbende Arbeitskultur

“Der Druck auf junge Menschen ist enorm”, begründet die japanische Gewerkschafterin Hifumi Okunuki das Phänomen des Freitods in einem Interview in der Süddeutschen. Seit den 1980er Jahren ist der “Tod durch Überarbeitung” bekannt und hielt Einzug in den gebräuchlichen Wortschatz der japanischen Sprache. Gemeint ist neben dem plötzlich eintretenden Tod durch Herzinfarkt oder Schlaganfall auch der Selbstmord, als einziger Ausweg aus der Depression und dem Zustand permanenter Erschöpfung. Von Kleinbetrieben über den Mittelstand bis hin zu Großkonzernen: Laut Okunuki ist das Problem überall und in allen Branchen bekannt. Pro Jahr fallen hunderte Menschen Karoshi zum Opfer. Die Dunkelziffer soll sich sogar laut nicht-staatlicher Quellen auf über 10.000 belaufen.

Rezession: Wirtschaftlicher Stillstand mit Todesfolge

Die langanhaltende Wirtschaftskrise bereitet der katastrophalen Arbeitsmoral den Boden. Japan befindet sich noch immer in der Rezession und belegt im Ranking um die Produktivität unter den sieben größten Wirtschaftsnationen (G7) abgeschlagen den letzten Platz. Firmen stehen seit Jahren unter enormen Druck, der wiederum nach unten abgegeben wird. Mehr arbeiten, mehr leisten, heißt die Devise. Genährt wird diese Moral vom überzogenen Bedürfnis nach Anerkennung. Aufzugeben und damit Schwäche zu zeigen käme einem Gesichtsverlust gleich. Dies versuchte auch Matsuri Takahashi zu vermeiden. Eine Elite-Uni-Absolventin mit Bestnoten bekommt direkt nach dem Abschluss eine Anstellung bei Dentsu, einer internationalen Werbeagentur von exzellentem Ruf. Lächeln und sich durchbeißen ist das Mindeste, was die japanische Gesellschaft einer jungen Frau wie ihr abverlangt. Durchschnittlich 50 Überstunden im Monat gelten in der Gesellschaft mittlerweile zum guten Ton und werden – wenn überhaupt – erst mit dem medialen Aufsehen um den Tod von Takahashi allmählich, aber selten öffentlich, in Frage gestellt.

Auch in Deutschland steigen die Burn-out-Zahlen

Auch in Deutschland entwickelt sich Burn-out zur Volkskrankheit. Rund 20 Prozent der Berufstätigen erleben Burn-out-ähnliche Phasen, wie das Münchner Institut für lösungsorientiertes Denken (MILD) schreibt. In Österreich steuert sogar jeder vierte Berufstätige in Richtung totale Erschöpfung, titelt der Standard. Ein ähnliches Bild zeichnet die Studie der Universität St. Gallen im Auftrag der “Bild am Sonntag” und Barmer GEK zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesundheit von Berufstätigen und liefert damit eine mögliche Ursache für diese Entwicklung. Befragt wurden 8.019 Arbeitnehmer. Eine Kernaussage: Die Digitalisierung zeigt signifikante Zusammenhänge zwischen emotionaler Erschöpfung (Burnout) und Konflikten zwischen Arbeit & Familie. 23 Prozent der Befragten fühlen sich durch ihre Arbeit ausgebrannt.

Die Digitalisierung erleichtert zwar Prozesse in der heutigen Arbeitswelt. Doch das birgt auch Gefahren. Die ständige Erreichbarkeit löst die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben mehr und mehr auf. Eine Entgrenzung, die letztlich mehr Leistung von Arbeitnehmern einfordert und sie schnell an den Rand ihrer Belastbarkeit drängt. Ist die Schwelle einmal überschritten, sind nicht selten Auszeiten von mehreren Monaten die Folge. Phasen, die an den finanziellen Reserven zehren. Monatliche Ausgaben wie beispielsweise Versicherungsbeiträge sind dann kaum noch zu bezahlen. Eine Vertragskündigung seitens der Versicherung ist leider häufig die Konsequenz, mit Auswirkungen auf die eigene Absicherung. Deshalb gilt es nicht nur beruflich wie gesundheitlich die Reißleine zu ziehen, sondern so früh wie möglich finanziell vorzusorgen.

Titelbild: ©eyetronic