Mann sitzt auf Bank und wartet auf Zug

Ihr gutes Recht auf Reisen – Fahr- und Fluggastrechte

Das Szenario ist deutschlandweit bekannt: Montagmorgen. Berufsverkehrszeit. Hunderte Menschen drängen sich an den Bahnsteigen. Plötzlich eine Durchsage: Der Zug verspätet sich. Hektik, Frust und Termindruck breiten sich aus. Die Situation beschränkt sich dabei nicht nur auf den Zugverkehr. Auch Reisebusse und der Flugverkehr sind vor Verspätungen und Ausfällen nicht gefeit. Ärgerlich ist dies in jedem Fall – insbesondere bei hohen Fahrpreisen. Doch welche Rechte haben Fahr- und Fluggäste überhaupt? Wir klären, welche Entschädigungen Sie verlangen können und wie man diese schnell durchsetzt.

Was sind Fahr- und Fluggastrechte?

In den Fahr- und Fluggastrechten sind Entschädigungsfälle wie z.B. Nichtbeförderung, Verspätung des Verkehrsmittels oder Gepäckverlust festgelegt. Mit dem Montrealer Abkommen sind seit dem Jahr 1999 die Fahr- und Fluggastrechte europaweit einheitlich geregelt, um die Rechte der Reisenden weiter zu stärken. Dabei werden die Regelungen je nach Verkehrsmittel unterschiedlich gehandhabt: So klärt die europäische Verordnung (EG) Nr. 1371/2007 die Ansprüche der Fahrgäste im Eisenbahnverkehr, die EU-Fluggastrechteverordnung Nr. 261/2004 die Rechte im Flugverkehr und seit 2011 die EU-Verordnung Nr. 181/2011 auch die Ansprüche für Fahrgäste im Bereich Kraftomnibusverkehr.

Verspätungen und Ausfälle: Welche Entschädigung steht dem Fahrgast zu?

Verspätungen und Ausfälle von Zügen, Bussen oder Flugzeugen sind ärgerlich. Vor allem, wenn dadurch Anschlüsse oder das wichtige Geschäftsmeeting verpasst werden. Doch nicht in allen Fällen sind Sie zur Entschädigung berechtigt, denn die rechtliche Regelung hängt vom benutzten Verkehrsmittel ab.

Reisen mit der Bahn

Je nach Dauer der Verspätung erhalten Fahrgäste bei den europäischen Zuggesellschaften einen prozentual berechneten Anteil des Fahrpreises zurückerstattet. Bei Zeitkarten (z. B. Wochen- und Monatskarten, Länder-Tickets oder Wochenend-Tickets) werden bei Verspätungen Pauschalen gezahlt. Zentral ist dabei, dass nicht die Startzeit des Zuges am Bahnhof beachtet wird, sondern die Verspätung bei Ankunft am Zielort berechnet wird.

  • Ab 60 Minuten: 25 Prozent des Fahrpreises
  • Ab 120 Minuten: 50 Prozent des Fahrpreises
  • Zeitkarten des Nah- und Fernverkehrs ab 60 Minuten:

Nahverkehr: 1,50 Euro (2. Klasse) / 2,25 Euro (1. Klasse)

Fernverkehr: 5,00 Euro (2. Klasse) / 7,50 Euro (1. Klasse)

BahnCard 100: 10,00 Euro (2. Klasse) / 15,00 Euro (1. Klasse)

Wichtig: Insbesondere bei Zeitkarten im Nahverkehr sind die Beträge der Kostenerstattung sehr gering. Entschädigungsbeträge unter vier Euro werden jedoch oftmals nicht ausgezahlt. Sammeln Sie deshalb bei vielen Verspätungsfällen Ihre Wochen- und Monatskarten zusammen und geben diese nach Ablauf der Geltungsdauer gesammelt im Servicecenter ab.

Sollte ab 60 Minuten Verspätung eine Übernachtung notwendig sein, zahlt die Bahn die Unterkunft. Wichtig ist dabei, dass die Bahngesellschaft nicht für jedes Hotel zahlt. Deshalb sollten sich Fahrgäste vorzeitig an Bahnschaltern informieren.

Sollte sich eine Verspätung am Zielort von über 60 Minuten bereits vor dem Fahrtantritt abzeichnen, haben Sie zwei Möglichkeiten:

Fall 1: Sie können sich dazu entschließen, die Fahrt aufgrund der Verspätung nicht anzutreten. In diesem Fall können Sie sich den kompletten Fahrpreis erstatten lassen.

Fall 2: Sie fahren zu einem anderen Zeitpunkt oder wählen eine andere Strecke. Denn ab einer angekündigten Verspätung von mindestens 20 Minuten ist die Zugbindung aufgehoben. Dann können Sie auch andere Züge der gleichen Verbindung für die Weiterfahrt nutzen. Ausgenommen sind reservierungspflichtige Züge wie ICE Sprinter.

Reisen mit dem Flugzeug

Ähnlich wie bei Zügen gelten auch bei Flugzeugen Verspätungszeiten lediglich bei Ankunft am Zielflughafen. Grundsätzlich haben Fahrgäste Anspruch auf Entschädigung, wenn …

  • … der Flug mindestens drei Stunden verspätet am Zielflughafen ankommt
  • … der Flug zwei Wochen vor Reiseantritt annulliert wurde
  • … der Anschlussflug verpasst wurde.

Die Höhe der Entschädigung richtet sich dabei nach der Länge des Fluges. Bei Flügen mit einer Flugdistanz von unter 1.500 km werden die Fluggäste mit rund 250 Euro entschädigt. Flüge bis 3.500 km Flugstrecke werden mit 400 Euro berechnet. Und bei Langstreckenflügen, die über die EU hinausgehen, bekommt der Passagier sogar 600 Euro erstattet. Wichtig ist dabei, dass die Entschädigungsbeträge nur gelten, wenn die Airline ihren Sitz in der EU hat und der Flug tatsächlich gestartet ist.

Anders als bei Zugreisen können bei Flügen „außergewöhnliche Umstände“ geltend gemacht werden. So kann eine Fluggesellschaft sich bei „Problemflügen“ auf äußere Widrigkeiten berufen und muss dann keine Entschädigung an die Passagiere zahlen. Zu diesen Situationen zählen insbesondere schlechte Wetterbedingungen und Naturkatastrophen, eine Gefahrenlage durch Terrorismus, Streiks oder Notlandungen. Im Übrigen: Technische Störungen sind keine Begründung für „außergewöhnliche Umstände“, sodass auch hier entschädigt werden muss.

Bei verloren gegangenem oder beschädigtem Gepäck wird es schon deswegen komplizierter, weil es keine einheitlichen Regelungen gibt. In jedem Fall sollten Sie den Verlust oder die Beschädigung sofort der Airline melden, da sonst der Schadenersatzanspruch erlischt. Die Frist für die Meldung von beschädigtem Gepäck beträgt sieben Tage bzw. 21 Tage, wenn das Gepäck verspätet ankommt. Wichtig ist, dass Sie sich genau zu den Regelungen Ihrer Airline informieren. So hat z. B. wer ohne Koffer am Urlaubsort landet, grundsätzlich das Recht, sich auf Kosten der Fluggesellschaft eine Ersatzausstattung zu kaufen. Was diese jedoch umfasst und wie viel sie wert sein darf, variiert stark.

Reisen mit dem Fernbus

Auch bei der Beförderung mit einem Fernbus (z. B. Flixbus, IC Bus) besitzen Fahrgäste ein Recht auf Entschädigung. Dabei bekommt der Fahrgast verschiedene Möglichkeiten zur Wiederaufnahme der Fahrt oder zur finanziellen Entschädigung zur Verfügung gestellt.

Im Fall einer Überbuchung oder einer Abfahrts-Verspätung von 120 Minuten haben die Fahrgäste die Wahl zwischen einer Weiterreise mit einer anderen Routenführung ohne zusätzlichen Aufpreis und einer Erstattung des vollen Fahrpreises. Dieselbe Auswahl besteht für Busreisende auch bei der Annullierung von Fahrten. Übernachtungen mit Gesamtkosten bis zu 80 Euro müssen bei Busausfällen von der Busgesellschaft übernommen werden, es sei denn, dass widrige Umstände oder die Weiterfahrt verhindernde Wetterverhältnisse herrschen.

Wie komme ich am schnellsten zu meinem Recht?

Damit die Ansprüche von Fahrgästen schnell durchgesetzt werden können, ist insbesondere bei der Bahn der Nachweis einer Verspätung wichtig. Lassen Sie sich also unbedingt vor Ort die Verspätung von dem Reiseanbieter bestätigen. Zudem gibt es bestimmte Fahrgastrecht-Formulare, die bei den Fahr- und Flugdienstleistern rechtzeitig eingereicht werden müssen.

Ansprüche müssen spätestens 1 Jahr nach Ablauf der Geltungsdauer der zugehörigen Fahrkarte geltend gemacht werden.  Die Formulare können Sie sich von einem Schaffner oder den Reiseinformationszentren aushändigen lassen. Diese tragen gleichzeitig auch die genaue Verspätungszeit ein. Alternativ gibt es das Formular zum Selbstausfüllen auch online.

Wo bekomme ich Unterstützung?

Auch wenn die EU-Richtlinien Entschädigungen bei der Personenbeförderung klar definieren, weigern sich viele Dienstleister entsprechende Zahlungen zu tätigen. Sie verweisen auf widrige Umstände oder sehen ein Fehlverhalten beim Fahrgast. Die Bundesregierung hat für solche Fälle eine Schlichtungsstelle für den öffentlichen Nahverkehr e.V. (SÖP) eingerichtet, die sich damit beschäftigt, die Ansprüche von Reisenden durchsetzen. Beschwerden oder Entschädigungsforderungen von Zug-, Fernbus- oder Flugreisenden können dort kostenlos eingereicht und geprüft werden. Hilft auch diese Schlichtungsstelle nicht weiter, kann natürlich ein gerichtliches Verfahren angestrebt werden. Ohne eine Rechtsschutzversicherung kann das jedoch teuer werden und sollte gut überlegt sein.

Titelbild: © anyaberkut