Psychotherapie per App am Smartphone

Dr. App: Wenn das Smartphone zum Psychotherapeuten wird

„Siri, mir geht’s nicht so gut. Ich glaube ich brauche Hilfe.“ – „Ich habe da etwas für dich. Versuch es mal mit dieser App.“ Die fortschreitende Digitalisierung macht vor keiner Branche halt. Auch nicht vor dem Gesundheitssektor. Folgerichtig gibt es eine große Bandbreite an Gesundheits-Apps für mobile Endgeräte wie Smartphones und Tablets. Mittlerweile werden zahlreiche Anwendungen auch in den Bereichen Psychologie und Psychiatrie entwickelt.

Trends in der Psychotherapie

Stimmungstagebücher, Abstinenztracking oder Entspannungsstrategien in Angstsituationen. All das und noch viel mehr bieten Apps mittlerweile an. Dabei geht es vor allem um Hilfestellung und Dokumentation als Ergänzung zu einer tatsächlichen Therapie. Aber es gibt auch Apps, die die Therapie bestimmter Erkrankungen versprechen. Teilweise ist in die Entwicklungsprozesse aber nicht mal medizinisches Fachpersonal eingebunden. Experten sehen gerade Behandlungs-Apps daher kritisch.

320 Patienten pro Therapeut

Das große Problem: Die Nachfrage ist immens. Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) sind jährlich fast 28 Prozent der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen. Also knapp 18 Millionen Menschen. Diese werden von 56.000 Psychiatern und Psychotherapeuten betreut. Das heißt auf einen ausgebildeten Psychologen/Psychiater kommen in Deutschland etwa 320 Erkrankte. Eine gute Betreuung ist so nicht zu leisten.

Psychische Erkrankung Hauptgrund für Frühverrentung

Folglich warten Betroffene im Schnitt 12,5 Wochen auf ein Erstgespräch. Wenn sie sich überhaupt dazu durchringen können, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Denn das ist ein weiteres Problem: Noch immer haftet dem Gang zum Therapeuten ein soziales Stigma an. Auch, wenn es in den letzten Jahren zunehmend besser geworden ist. Da kann ein erster Zugang zum Thema Psychotherapie über den Weg einer anonymen App hilfreich sein.

Das Erkennen des Problems ist ein weiteres Hindernis. Denn ein gebrochenes Bein, ein Stechen in der Brust oder starke Kopfschmerzen sind als Symptome auffällig. Eine psychische Symptomatik fällt dem Betroffenen dagegen teilweise gar nicht auf. Besonders brisant: Psychische Erkrankungen sind laut DGPPN heute mit 43 Prozent der häufigste Grund für Frühverrentungen.

Forschung läuft auf Hochtouren

Deshalb entwickeln und testen seit einigen Jahren auch Universitäten und Kliniken entsprechende Apps. Das funktioniert beispielsweise folgendermaßen: Zunächst stellt der User eine Reihe an persönlichen Informationen bereit. Dazu gehören Personendaten, bestimmte Gewohnheiten oder auch der Ruhepuls. Außerdem erfragt die App aktuelle Informationen zur Stimmungslage, Stressreizen oder ähnlichem. Ebenfalls erprobt werden Apps, die automatisch Daten erheben. Etwa Blutdruck, Schweißbildung, Körpertemperatur. Zu dem Zweck werden Messgeräte am Körper befestigt, die die körperlichen Signale an die Anwendung weitergeben. Diese alarmiert im Notfall den Träger, gibt hilfreiche Tipps oder ermöglicht den Kontakt zu einem Ansprechpartner.

Hilfe für die Profis

Diese Apps befinden sich aber noch in der Entwicklung und sind bisher nicht ausreichend erprobt. Die DGPPN hat im Oktober selbst eine App herausgebracht. Diese soll vor allem Psychotherapeuten, Psychiater und Ärzte unterstützen. Sie enthält ein umfassendes Nachschlagewerk aus den Bereichen psychische Störungen, Diagnostik und Therapie. Außerdem liefert sie zusätzlich einen Ratgeber mit Hilfestellungen für Notfallsituationen in der Versorgung psychisch erkrankter Menschen. Die App ist sowohl für Android als auch für Apple Endgeräte verfügbar. Auch die Profis zählen also auf den Support per App. Wie es im Bereich der Therapie-Apps weitergeht, wird die Zukunft zeigen. Eines ist aber sicher: Einen Therapeuten kann auch eine hoch entwickelte App nicht ersetzen.

Titelbild: © peshkova